Die Weltbloche lädt zur Schlachtplatte

Das waren noch Zeiten, als sich SVP-Oberlehrer Christoph Blocher persönlich um die Perfektionierung der Weltwoche kümmerte, als er an der Redaktionssitzung erschien und – flankiert von Zauberlehrling Roger Köppel – vor der versammelten Crew eine Blattkritik zelebrierte (für Nicht-Journalisten: er gab seinen Senf zur neusten Weltwoche). Selbst als er im Bundesrat sass, liess er es sich nicht nehmen, in der rechten Schreibwerkstatt aufzutauchen. Der Chefredaktor fühlte sich gebauchpinselt, während Blocher blätterte und blätterte, lobte, mahnte, tadelte und ermunterte.

Der Höhepunkt aber, so wird es überliefert, war jeweils das gemeinsame Mittagsessen. Zu Fuss gings in ein nahe gelegenes Lokal. Blocher sass in der Mitte, schaute sich die Speisekarte an und entdeckte – die Schlachtplatte. Alles rundherum wartete gespannt, was ER wohl bestellen würde. „Ich nehme die Schlachtplatte“, sagte dieser ohne Zögern. Dann war Köppel an der Reihe: „Ich nehme auch die Schlachtplatte.“ Und so ging es weiter, Schlachtplatte hier, Schlachtplatte dort – schlechte Platitüden fast überall. Wehe dem, der mit Cevapcici oder Shish Kebab liebäugelte. Ihm drohte der mitleidig-verachtende Blick des kleinen Zampano. Immerhin, damit konnte man leben. Heute würde ja bald schon die Ausschaffung drohen.

Nokia meets Bach in Appenzellerland

aus dem Workshop zu BWV 109 (coro)

Die Kantate BWV 109 hat es in sich. Johann Sebastian Bach stellte an Musiker und Publikum hohe Anforderungen, als er das Werk am 17. Oktober 1723 in Leipzig erstmals aufführte. Fast auf den Tag genau 287 Jahre später wiederholt sich die Szene im Appenzellischen Trogen. Nur, dass hier Nokia dazwischen funkt. Die kleine, simple Melodie des Handyherstellers bot in der Evangelischen Kirche einen krassen und absolut unerwünschten Kontrast zu den virtuosen Partituren des barocken Altmeisters.

Nokia-Melodie

Aber der Dirigent und musikalische Leiter des Abends, Rudolf Lutz,  lässt sich im Workshop vor dem Konzert durch das kleine Intermezzo nicht aus der Fassung bringen: Er baut die Nokia-Melodie gekonnt in seinen Vortrag ein, improvisiert dazu auf dem Keyboard und stellt mit gewitzten Sprüchen die betreffenden Handybesitzer an den Pranger. Frech, aber nicht plump. Bestimmt, aber mit einem Augenzwinkern. Ich bin überzeugt, dass es Bach genau so gemacht hätte. So viel habe ich an diesem Abend über den Komponisten dazugelernt.

P.S.: Bei der Nokia-Szene habe ich genau so herzhaft gelacht wie der Mann, der alles möglicht macht: Wegelin-Bankier Konrad Hummler. Der Bach-Fan will mit seiner J.S. Bach-Stiftung in den nächsten 20 Jahren sämtliche 250 Kantaten des Meisters zur Aufführung bringen. Das lässt er sich 30 Millionen Franken kosten.

Der Blick am Morgen in den Blick am Abend

Als Journalist, der für eine richtige, echte Zeitung schreibt, kann ich es kaum fassen: Da schleppen sich am Morgen müde Geister auf die S-Bahn, um zur Arbeit zu fahren. Und sie schnappen sich einen Blick am Abend – vom Vorabend, und sie LESEN ihn. Zumindest tun sie so. Mehr noch: Sie starren in die Postille, als ob sie darin die letzten Weisheiten der Menschheit finden würden, als ob sie den Durchblick hätten. Wahrscheinlich hatten die gleichen müden Geister den gleichen Blick am Abend schon am Vorabend in der Hand, beziehungsweise vor den Augen. Wahrscheinlich hat er ihnen schon damals den Blick auf die Welt versperrt. Aber sie merken es nicht.

Wenn die müden Geister Glück haben, ist am Morgen noch ein 20-Minuten-Heftchen vom aktuellen Tag in der Box. Dann versinkt darin der trübe Blick, was weniger peinlich ist, aber nicht wirklich einen Unterschied macht. Ob Blick am Abend von gestern oder 20 Minuten von vorgestern: es ist einerlei. Hauptsache, die Augen können sich ausruhen. Sonst würden sie ja sehen, dass ein anderer müder Geist in der übervollen S-Bahn gern den Platz nebenan hätte – wo jetzt der eigene Rucksack liegt.

Schwarz auf der Baustelle

Da bin ich wieder. Zurück von einer Baustelle. Neben dem Bloggen muss ich ja schliesslich auch arbeiten. Und in den vergangenen zwei Wochen hat mich die Arbeit eben auf Baustellen geführt, Baustellen, auf denen viel zu oft schwarz oder zu ungesetzlich tiefen Löhnen gearbeitet wird. Genauer gesagt: Auf jeder zweiten Baustelle ist etwas faul.  Daraus entstand ein Report für meine Zeitung.

Unter anderem war ich im Baselbiet mit FDP-Nationalrat Hans Rudolf Gysin (links im Bild) und Baustellen-Kontrolleur Michel Rohrer (rechts) einen Tag lang unterwegs, um nach schwarzen Schafen Ausschau zu halten. Ich will ja nicht schwarzmalen, aber was ich in diesen zwei Wochen alles herausgefunden habe, ist nicht sehr erbaulich. Vor allem Maler und Gipser malen schwarz – ähm – arbeiten schwarz. – Ich nicht. Bei der Zeitung bin ich legal angestellt, und für den Blog werde ich von niemandem bezahlt, noch nicht 🙂

Leuthard an jeder Hundsverlochete

Noch ist sie Wirtschaftsministerin, und noch muss Doris Leuthard die mit dem Amt verbundenen Pflichten erfüllen. Dazu gehören offenbar auch Anlässe in kleineren und grösseren Firmen, als ob die Mitglieder des Bundesrats die Zeit nicht für Sinnvolleres nutzen könnten. So steht in Stäfa am Zürichsee demnächst die Einweihung eines Produktionsgebäudes des Hörgeräteherstellers Sonova (Phonak) auf dem Programm. Und im Dezember, also nach Leuthards Wechsel ins Verkehrs- und Energiedepartement, folgt die nächste Einweihung, diesmal bei der Biotechfirma Actelion in Allschwil bei Basel.

Wieviel spannender als so eine Hundsverlochete muss es sein, zum Beispiel nach Indien zu reisen und dort neue Eindrücke zu sammeln. Etwa in der Autofabrik Maruti Suzuki in Delhi (Bild), wo sich die Bundesrätin erklären liess, wie alle 21 Sekunden ein fixfertiges Auto vom Band rollt, fast eine Million pro Jahr. Ob sie solche Reisen nicht vermissen wird, wenn sie anstelle des abtretenden Kollegen Moritz Leuenberger ein paar neue Autobahnkilometer oder einen Strassentunnel eröffnen muss? Aber der Departementswechsel war ja ihr Entscheid. Damit muss sie leben.

Unsinnige Kommerzgrüsse zum Geburtstag

Kürzlich hatte ich Geburtstag und freute mich wie immer über die guten Wünsche aus dem Freundeskreis. Nun erhalte ich aber jährlich mehr und mehr Gratulationen von wildfremden Menschen, die mir im Auftrag eines Unternehmens schreiben (müssen): Da waren unter anderem ein SMS von meinem Handy-Provider Sunrise, eine Email eines Hotels in Luzern, ein Brief des Spielcasinos Pfäffikon und eine Email von meinem Vielfliegerprogramm Miles & More.

Immerhin: Das Spielcasino schickte mir einen Gutschein für Jetons im Wert von 25 Franken. Und von Miles & More erhielt ich 3000 Meilen geschenkt – zum Einlösen im Swiss-Online-Shop. Aber was gibts dafür? Eigentlich gar nichts! So bestätigt sich auch hier der Verdacht, dass letztlich schnöde kommerzielle Interessen hinter den sülzigen Grüssen stecken. Den Vogel abgeschossen hat aber das (angebliche 5-Sterne-Hotel) Ferienart Resort & Spa in Saas Fee, wo ich einmal als geladener Gast meines Autohändlers ein Wochenende verbrachte. Das Zimmer war miserabel, und ich hatte mich auch entsprechend beklagt. Nun schickt mir diese Luxusherberge, bei der leider nur der Preis Luxus ist, Jahr für Jahr eine – von Hand geschriebene! – Ansichtkarte. Mein Tipp: Steckt doch die Zeit, die Energie und das Geld lieber in die Renovation der Gästezimmer.

Strenge Schönheit hinter Stacheldraht

Wieder einmal sorgt Nordkoreas Herrscher Kim Jong Il für negative Schlagzeilen. Diesmal ist es weder eine Provokation mit atomaren Waffen noch eine Aggression gegen Südkorea. Nein, der Diktator bereitet Funktionäre und Volk darauf vor, dass nach seinem Tod sein Sohn Kim Jong Un an die Macht kommt. Er setzt alles daran, das Zepter im Clan seiner Familie zu verankern.

Wie anders ist doch das Bild, das man als einer der wenigen Priviligierten, die ins Land dürfen, mit nach Hause nimmt. Ich war zweimal in Nordkorea – auf dem Landweg. Südkoreanische Journalisten hatten die Reisen organisiert, um für die Wiedervereinigung zu werben. Oh ja, ich wurde rigoros kontrolliert und sah Beängstigendes: Stacheldraht, schwer bewaffnete, nervöse Militärs und Staatsschützer in Zivil, die meine Fotos löschen wollten. Und natürlich die unermessliche Armut. Aber ich sah auch unglaublich schöne, unberührte Landschaften, und ich traf liebenswürdige Menschen. Zum Beispiel die Touristenführerin (Bild) am See Sam Il Po in der Region des Kumgang-Gebirges. Ihre Strenge und ihre Schönheit waren sinnbildlich für das Land. Leider konnte sie nur koreanisch, aber Mimik, Gestik und Tonfall sprachen Bände, so dass ich die Übersetzerin gar nicht so sehr brauchte. Ich traf auch Menschen, die perfekt Englisch konnten, wie man es fast nur in einem englischsprachigen Umfeld schaffen kann. Diese Menschen aber hatten noch nie in ihrem Leben das Land verlassen (dürfen). Sie haben die fremde Sprache in der Schule gelernt – mit unendlichem Fleiss und Ehrgeiz. Dafür habe ich sie bewundert.

Ein Abzocker ist ein Abzocker ist ein …

Abzocker-Jäger Thomas Minder, der Vater der „Abzocker-Initiative “ und Trybol-Fabrikant in Neuhausen, hat den ehemaligen Chef von OC Oerlikon Thomas Limberger aufgeschreckt, indem er ihn wiederholt „Abzocker“ nannte. Limberger hatte mehrere Millionen Salär eingesackt, während OC Oerlikon kurz darauf finanziell am Abgrund stand. Inzwischen ist Limberger Chef bei Von Roll, wo er letztes Jahr „nur“ noch 2,5 Millionen kassierte, während er im Unternehmen 11 Millionen Verlust machte und 500 Stellen strich.

Wann darf man einen Abzocker öffentlich einen Abzocker nennen, statt nur einen unverschämten Grossverdiener? Das ist die Frage, die jetzt ein Richter beantworten muss. Denn Limberger hat gegen Minder geklagt – wegen Rufschädigung und Persönlichkeitsverletzung. Nun heisst es Thomas gegen Thomas. Bloss: Zur ersten Verhandlungsrunde ist Limberger gar nicht erst erschienen. Minder vermutet, sein Kontrahent scheue die öffentliche Auseinandersetzung. Und bezeichnet ihn seelenruhig weiterhin als Abzocker.

PS: Aus dem Wörterbuch:  „ạb•zo•cken (hat) [Vt] jemanden abzocken gespr; beim Kartenspiel od. bei einem Geschäft viel Geld von jemandem gewinnen.“ Oder an anderer Stelle: „Der Begriff Abzocke ist ein umgangssprachlicher Begriff für Übervorteilung.“ Oder auch: „Steht die bezogene Dienstleistung in keinem Verhältnis zum dafür gezahlten Preis und wurde vorher auch nicht angemessen auf die Kosten hingewiesen (Übervorteilung des Anbieters), entsteht der Vorwurf der Abzocke.“ Na also, jetzt kann doch der Richter Tacheles reden – mit den Abzockern.