Archiv der Kategorie: Dissonanzen

Warum Inder elektrische Fensterheber brauchen

Eine nette Anekdote konnte am World Economic Forum in Davos der Chef des indischen Software-Riesen Wipro zum besten geben. Azim Premji erzählte von einem Fehlgriff eines grossen amerikanischen Autoherstellers – wohl GM. Der Konzern entwarf in Detroit ein Mittelklasse-Auto speziell für den indischen Subkontinent. Es musste billig sein, also sparte man wo man konnte. Unter anderem – dachten die US-Konstrukteure – sei es wohl kaum notwendig, auch die hinteren Fenster elektrisch öffnen und schliessen zu könnnen. Was die Amerikaner nicht wussten: Wer sich in Indien einen Mittelklassewagen leisten kann, hat auch einen Chauffeur, sitzt also selber im Fond. Ohne elektrische Fenterheber hinten verkauft sich ein solches Auto nicht. Die Fehlkonstruktion war ein Flop. Azim Premjis Moral von der Geschicht: Unterschätze einen Inder nicht. Oder etwas prosaischer: Wer Indien nicht kennt und dennoch den Alleingang wagt, bezahlt oft teures Lehrgeld.

Sport ist Mord

Wer unsportlich ist oder zu faul, sich körperlich fit zu halten, liebt ihn, den Spruch „Sport ist Mord“. Und wann immer im Sport schwere Unfälle passieren, sei es beim Skirennen oder am Berg mit dem Mountainbike, rezitieren ihn die ewig Unsportlichen genüsslich. Nicht aber, wenn jemand erschossen wird – nota bene.

Im Streit um die Waffeninitiative erhält nun der Spruch eine komplett neue Bedeutung. Wenn Schiessen als Sport bezeichnet wird, ist der Schiesssport das beste Beispiel dafür, dass Sport tatsächlich Mord (oder Selbstmord) sein kann. Der einzige Ausweg aus diesem Dilemma: Schiessen ist KEIN Sport. Der Einsatz von Schusswaffen dient schlicht dem Töten und Verletzen eines Opfers – oder der Drohung damit. Dumm nur, dass dann die besten Argumente der Initiativgegner nichts mehr taugen. Denn die Waffennarren bestehen ja darauf, Schiessen als Sport zu betrachten. Also doch: Sport ist Mord.

Ihr Kinderlein kommet

„Luca Kevin Noah wünscht euch ein gutes Neues Jahr!“ steht auf der Karte. Abgebildet ist ein mir unbekanntes Baby mit einem noch etwas unförmigem Kopf – so wie Babys halt aussehen. Aber ich muss von Anfang an erzählen…

Ich bin gerade daran, auf dem Bücherregal etwas Ordnung zu schaffen. Dazu gehört auch das Entsorgen der Weihnachts- und Neujahrskarten. Diesmal scheint etwas schief gelaufen zu sein, global. Nicht nur aus der Schweiz, sondern auch aus England, Deutschland, Kanada und den USA haben wir mehrere Karten von Babys erhalten. Mit viel Geduld und etwas Glück haben wir jeweils herausgefunden, wer dahintersteckt, nämlich die Eltern: Zum Beispiel unsere langjährigen Freunde, nennen wir sie John und Maribelle. Was wir nicht klären konnten: Warum um alles in der Welt missbrauchen Eltern ihren über alles geliebten Nachwuchs so unverschämt für Weihnachts- und Neujahrskärtchen an Menschen, die sie – die Neugeborenen – noch nie gesehen haben, gar nicht kennen können? Und warum bekommen wir keine Kärtchen mehr von unseren langjährigen Freunden selber? Nun gut, da wir keine Kinder haben (wollen), müssen wir uns fürs nächste Neujahr etwas einfallen lassen, um mitzuhalten. Vielleicht könnten wir eine Karte verschicken, auf der unsere winterharte Balkon-Agave alles Gute wünscht, oder viele Grüsse von unserem Auto. Oder könnte es der neue Laptop richten, oder der neue iPad? Ja, das ist gut, ich glaube, wir nehmen den iPad.

Süss, aber verboten

Preisabsprachen sind illegal, aber dennoch verbreitet. Ein Beispiel: Am letzten Mittwoch gab es bei Migros die klassischen Schoggi-Branchli 40 Prozent billiger. Just am gleichen Tag bot Coop die klassischen Minor-Schoggi-Stängeli ebenfalls mit 40 Prozent Rabatt an. Zufall? Ein Blick ins Pressearchiv zeigt, dass das Beispiel eine jahrelange Tradition hat. Schon im August 2007 koordinierten die beiden grossen Detailhändler offensichtlich den Verkauf der Branchli. Damals gab es indes bei beiden 50 Prozent Rabatt.

Fazit: Preisabsprachen sind in manchen Branchen an der Tagesordnung – auch wenn es um mehr als Branchli geht. Seltsam nur: Bei Migros enthält eine Packung aktuell 40, bei Coop 45 Stängeli. Da klappt es mit der Absprache noch nicht so ganz. Noch seltsamer: Im Sommer enthielt die – genau gleich grosse – Migros-Packung noch 50 Stängeli (siehe Foto). Aber egal, Hauptsache der Preis stimmt. A propos: Wo sind die Schoggi-Stängeli nun günstiger, bei Migros oder Coop? Bei Migros!

Nokia meets Bach in Appenzellerland

aus dem Workshop zu BWV 109 (coro)

Die Kantate BWV 109 hat es in sich. Johann Sebastian Bach stellte an Musiker und Publikum hohe Anforderungen, als er das Werk am 17. Oktober 1723 in Leipzig erstmals aufführte. Fast auf den Tag genau 287 Jahre später wiederholt sich die Szene im Appenzellischen Trogen. Nur, dass hier Nokia dazwischen funkt. Die kleine, simple Melodie des Handyherstellers bot in der Evangelischen Kirche einen krassen und absolut unerwünschten Kontrast zu den virtuosen Partituren des barocken Altmeisters.

Nokia-Melodie

Aber der Dirigent und musikalische Leiter des Abends, Rudolf Lutz,  lässt sich im Workshop vor dem Konzert durch das kleine Intermezzo nicht aus der Fassung bringen: Er baut die Nokia-Melodie gekonnt in seinen Vortrag ein, improvisiert dazu auf dem Keyboard und stellt mit gewitzten Sprüchen die betreffenden Handybesitzer an den Pranger. Frech, aber nicht plump. Bestimmt, aber mit einem Augenzwinkern. Ich bin überzeugt, dass es Bach genau so gemacht hätte. So viel habe ich an diesem Abend über den Komponisten dazugelernt.

P.S.: Bei der Nokia-Szene habe ich genau so herzhaft gelacht wie der Mann, der alles möglicht macht: Wegelin-Bankier Konrad Hummler. Der Bach-Fan will mit seiner J.S. Bach-Stiftung in den nächsten 20 Jahren sämtliche 250 Kantaten des Meisters zur Aufführung bringen. Das lässt er sich 30 Millionen Franken kosten.