Archiv der Kategorie: Auf Kurs

So entdeckte ich Bryan Adams

Wer kennt ihn nicht, den Song „(Everything I Do) I Do It For You“. Aber nicht alle kennen die Hintergründe: Die Rockballade wurde 1991 für den Film „Robin Hood – König der Diebe“ geschrieben. Und von wem? Vom kanadischen Sänger und Komponisten Bryan Adams. Ich gebe es zu: Das wusste ich bis gestern auch nicht alles. Ich kannte zwar den Song und auch den Namen Bryan Adams, aber ich wusste nicht, dass ER IHN gemacht hat. Und ich wusste nicht wie GUT er ist – der Song.

Bis gestern: Beim  Zappen kam ich auch aufs Schweizer Farbfernsehen, wo gerade eine Talent-Show lief. Die grössten Schweizer Talente, oder so. Und da stand so eine junge Frau aus Schaffhausen auf der Bühne, die eben jenen Bryan-Adams-Song zum Besten gab – geben wollte. Ich war so was von enttäuscht – wie übrigens auch die drei Promis in der Jury, DJ Bobo, Christa Rigozzi und Roman Kilchsperger.

So weit so gut. Ich wechselte vom TV zum PC und suchte nach diesem Song. Nach dem Original – nach dieser Amateur-Version am Fernsehen. Und hier ist er, in einer wunderbaren langen Live-Version (leider nur via Youtube zu sehen).

Tja, so lernte ich also Bryan Adams kennen – und schätzen.  „(Everything I Do) I Do It For You“ ist wohl einer der schönsten Love-Songs aller Zeiten. Bitte nur ja nicht versuchen, den Originaltext auf Deutsch zu übersetzen…

Viktor Giacobbo: Alles Mike Müller oder was?

Er steht seit über 30 Jahren auf der Bühne, parodierend, persiflierend und posierend: Viktor Giacobbo. 1981 bin ich dem Multitalent erstmals begegnet. Angefangen hat Vik als nebenamtlicher Conférancier und Polit-Kabarettist in der linken Winterthurer Szene. Die Brötchen verdiente der Satiriker mit der spitzen Zunge damals schon beim Schweizer Fernsehen – als Dokumentalist, als Zulieferer also. Der gelernte Schriftsetzer suchte im Archiv nach Material, das die Fernsehmacher bestellt hatten oder gut gebrauchen konnten. Heute ist Giacobbo selber der grosse Zampano.

Damals, 1981, tingelte Giacobbo mit seiner Klamauk-Truppe namens Stuzzicadenti durch die Schweiz. Die „Zahnstocher“ gastierten auch in Solothurn, Langenthal und Bern. Dort lernte ich sie kennen und schätzen. Ich begleitete sie, um eine Reportage für die Studentenzeitung zu schreiben. Vik war als Kopf und Texter der Stuzzi schon damals einsame Spitze – nur einfach viel, viel frecher als heute, und auch nicht immer so politisch korrekt. „Blaue Bohnen – heisse Lust“ hiess das Programm. Nichts und niemand war den Stuzzi heilig: Der Papst – damals war es Karol Wojtyla alias Johannes Paul II –  bekam sein Fett genau so ab wie die Politiker – damals, man glaubt es kaum, war es auch schon Christoph Blocher.

Ist Giacobbo heute besser als damals, oder hat er nachgelassen? Mit Sicherheit ist er braver geworden – gezwungenermassen. Ein katholischer Würdenträger namens „Karel Gott Wojtyla“, der seltsame sexuelle Neigungen öffentlich auslebt und dafür im Beichtstuhl die Gurtenpflicht einführt, würde am Schweizer Fernsehen wohl kaum toleriert. Aber Giacobbos Schalk blitzt auch heute immer wieder auf. Man kann ihn in seinen Augen erkennen, oder in seinem bisweilen fast diablischen Grinsen. Als ich ihn neulich im Kaufleuten bei der Aufzeichnung von Giacobbo/Müller wieder einmal live sah, begriff ich sein Erfolgsrezept: Er hat eine animalische Freude an seinem Job. Das ist es! Aber, lieber Vik, du musst aufpassen und darfst dich nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Mike Müller ist dir mit seinen eigenen Versen hart auf den Fersen.

„Live from the White House“

Videoclip angeschaut? Okay, dann weiterlesen. Tja, das war vielleicht eine Überraschung! Wir waren beim US-Präsidenten Barack Obama, als uns vor dem Weissen Haus ein paar News-Reporter um Hilfe baten. Wir hatten nur zwei Minuten Zeit. Dann standen wir vor dem Tele-Prompter, und die Schrift begann zu laufen – für mich etwas gar schnell. Wir mussten berichten, dass Obama die Truppen in Afghanistan aufstockte, und weshalb. Aber wir schafften den 20-Sekunden-Text plus An- und Abmoderation auf Anhieb ohne Patzer.

Na ja, eigentlich war alles ein wenig anders. Den Samichlaus gibts ja auch nicht. Aber wer bis hierher gelesen hat, soll belohnt werden: Schon einmal vom Newseum in Washington gehört? Es wurde 2007 eröffnet und ist wirklich einen Besuch wert – auch für Nicht-Journalisten.

Увидимся в Катар!

Ich verstehe nichts von Sport, auch nicht von Fussball. Es interessiert mich nicht. Und ich halte nicht besonders viel von Fifa-Boss Sepp Blatter. Dafür interessiere ich mich umso mehr für Politik und Globalisierung. Davon verstehe ich etwas. Wenn uns nun ein paar dumbe Sportjournalisten weis machen wollen, dass die Wahl der Austragungsorte für die Fussball-WM 2018 (Russland) und 2022 (Katar) unglücklich, ungerecht, ja „grobfahrlässig“ sei, dann muss ich widersprechen. Auch die Fussball-Gemeinde sollte zur Kenntnis nehmen, dass sich die Gewichte auf dieser Welt verschieben – und zwar in Richtung Osten. Die „Alte Welt“ verliert ihre Vorherrschaft. Das ist in der Politik so, in der Wirtschaft, und – warum auch nicht? – im Sport. Andere WM-Kandidaturen wie England oder die USA hatten die Spiele schon mal im Land. Nun sind andere am Zug. Und so, wie ich Russland und Katar einschätze, wird ihnen kein Aufwand zu gross sein, um der Welt zu zeigen, wie perfekt und glamurös sie einen solchen Anlass organisieren können. Was wollen wir mehr? Eine kleine Einschränkung muss ich allerdings machen: Ich setze voraus, dass die viel geschmähten Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees nicht geschmiert wurden bei dieser Wahl, dass also Russland und Katar die Spiele ohne Bestechungsgelder erhielten. Sonst müsste ich natürlich über die Bücher.

PS: „Увидимся в Катар“ ist russisch für „see you in Katar“

Ich und… die Kokser von Shanghai

China. China! Wer in der Business-Metropole Shanghai landet, staunt und staunt und staunt. Grösser könnte der Kontrast zur mausarmen Landbevölkerung gar nicht sein.  Ein Beispiel: Zwischen dem Flughafen und dem Stadtzentrum beschleunigt die Transrapid-Schnellbahn auf über 400 km/h. Dann allerdings gehts mit dem Bus wegen ungeheuerlichem Stau im Schneckentempo weiter.

Superreiche Geschäftsleute aus Peking sind hierher gezogen, um neue Firmen oder zumindest neue Niederlassungen ihrer bestehenden Firmen zu eröffnen. Denn in Shanghai ist das grosse Geld, hier spielt die Musik. Das sieht man nirgendwo deutlicher als in einem der schicken Nachtklubs. Draussen stehen BMW- und Mercedes-Cabrios, und drinnen dröhnen sich junge chinesische Dollar-Millionäre mit Alkohol und Drogen zu. Es sind die Kinder der Unternehmer aus Peking. Wir spielen Pool-Billard nach amerikanischem Muster, und der Hiphop-Sound ist so laut, dass ich gar nicht erst versuche, auf Konversation zu machen.

Auf der Schiefertafel steht mein Name. Ich bin als nächster dran. Früher waren es die Opiumhöhlen, die Shanghai berühmt-berüchtigt gemacht hatten. Jetzt wird hier Koks herumgereicht wie auf dem Land das Bier. Ich fühle mich wie in irgendeinem Schicki-Micki-Klub in Zürich, in St. Julians auf Malta oder in Los Angeles. Aber ich bin in China, in einem der ärmsten Länder der Welt. Das wird mir schlagartig klar, als ich ins Taxi steige, um zum Hotel zurückzukommen. Der Taxifahrer kann den Namen des Hotels weder lesen noch verstehen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mit meinem Handy ins Hotel anzurufen und jemanden von der Reception zu bitten, den Taxifahrer zu instruieren. China! China.

Gefunden: DAS Spielzeug für die Chefetage

Immer öfter begegne ich Kaderleuten, die eines gemeinsam haben: Im Büro steht ein Modell-Helikopter. Nach einer kleinen Recherche bin ich zur Ansicht gelangt, dass diese Spielzeuge mehr sind als nur Spielzeuge. Sie haben einen therapeutischen Nutzen. Greift der gestresste Manager nämlich zur Fernbedienung mit den multifunktionalen Sticks und versucht, das fliegende Plastikobjekt rund um den Schreibtisch zu steuern oder schon nur auf einem Meter über dem Fussboden unter Kontrolle zu halten, erlebt er sein blaues Wunder. Das Ding tut einfach nicht, was er möchte. Die Navigation braucht Übung und Fingerspitzengefühl, vor allem aber volle Konzentration. Daher wird der Manager von seinem ganzen Stress abgelenkt und fokussiert auf die Fliegerei. Zehn Minuten reichen aus, dann hat er den Kopf wieder frei und kann den Fokus auf eine andere Aufgabe richten. Übrigens: Die Dinger sind nicht nur bei grossen Buben beliebt. Auch Frauen auf dem Chefsessel nutzen und schätzen sie.

Aber das Beste hätte ich fast vergessen: Modell-Helikopter sind billig, es gibt sie schon ab 70 Franken, und sie sind hart im Nehmen – die Therapie ist also äusserst kostengünstig. Der Nachteil: Die Batterien sind relativ schnell leer, aber man kann sie ja wieder aufladen. So gesehen hat das Spielzeug ähnliche Eigenschaftgen wie der Manager selber, ausser natürlich den Preis. Ob es in den Teppichetagen deshalb so beliebt ist?

Nokia meets Bach in Appenzellerland

aus dem Workshop zu BWV 109 (coro)

Die Kantate BWV 109 hat es in sich. Johann Sebastian Bach stellte an Musiker und Publikum hohe Anforderungen, als er das Werk am 17. Oktober 1723 in Leipzig erstmals aufführte. Fast auf den Tag genau 287 Jahre später wiederholt sich die Szene im Appenzellischen Trogen. Nur, dass hier Nokia dazwischen funkt. Die kleine, simple Melodie des Handyherstellers bot in der Evangelischen Kirche einen krassen und absolut unerwünschten Kontrast zu den virtuosen Partituren des barocken Altmeisters.

Nokia-Melodie

Aber der Dirigent und musikalische Leiter des Abends, Rudolf Lutz,  lässt sich im Workshop vor dem Konzert durch das kleine Intermezzo nicht aus der Fassung bringen: Er baut die Nokia-Melodie gekonnt in seinen Vortrag ein, improvisiert dazu auf dem Keyboard und stellt mit gewitzten Sprüchen die betreffenden Handybesitzer an den Pranger. Frech, aber nicht plump. Bestimmt, aber mit einem Augenzwinkern. Ich bin überzeugt, dass es Bach genau so gemacht hätte. So viel habe ich an diesem Abend über den Komponisten dazugelernt.

P.S.: Bei der Nokia-Szene habe ich genau so herzhaft gelacht wie der Mann, der alles möglicht macht: Wegelin-Bankier Konrad Hummler. Der Bach-Fan will mit seiner J.S. Bach-Stiftung in den nächsten 20 Jahren sämtliche 250 Kantaten des Meisters zur Aufführung bringen. Das lässt er sich 30 Millionen Franken kosten.