Abgestimmt auf das falsche Herz der Schweiz

Der innerschweizer Kanton Schwyz hat abgestimmt. Und wie! In keinem andern Kanton ist die SVP-Ausschaffungsinitiative so deutlich angenommen und die SP-Steuergerechtigkeitsinitiative so deutlich  abgelehnt worden. Das Abstimmungsergebnis bringt auf den Punkt, was das Steuerparadies im Herzen der Schweiz will – und was nicht: Reiche sind willkommen, auch kriminelle Schweizer dürfen bleiben, aber keinesfalls Ausländer, die etwas ausgefressen haben. Das Tragische aber ist, dass die ganze Schweiz mehrheitlich wie der Kanton Schwyz abgestimmt hat. Es ist der Wunschtraum, selber dazu zu gehören. Es ist ein unglaublicher Akt der Solidarität mit den Einheimischen und Wohlhabenden, eine Absegnung der Verteilung von unten nach oben durchs Volk, ein demokratischer Entscheid, der gegen die eigenen Interessen der Mehrheit gerichtet ist. Ich wäre nicht überrascht, wenn sich in Schwyz bald separatistisches Gedankengut breit machen würde. Eine kleine, unabhängige, heile Schweizschweiz im Herzen der grossen, realen Schweiz, ein Paradies für Rosinenpicker, die das nötige Kleingeld haben, um sich im Reichen-Ghetto eine Wohnung zu leisten. Dann müssten die armen Schwyzer auch nicht mehr alljährlich den lästigen Obulus in den Steuerausgleich entrichten. Und nach Zürich in die Oper oder ins Kaufleuten zum Dinieren könnte man ja nach wie vor.

Ich und… die Kokser von Shanghai

China. China! Wer in der Business-Metropole Shanghai landet, staunt und staunt und staunt. Grösser könnte der Kontrast zur mausarmen Landbevölkerung gar nicht sein.  Ein Beispiel: Zwischen dem Flughafen und dem Stadtzentrum beschleunigt die Transrapid-Schnellbahn auf über 400 km/h. Dann allerdings gehts mit dem Bus wegen ungeheuerlichem Stau im Schneckentempo weiter.

Superreiche Geschäftsleute aus Peking sind hierher gezogen, um neue Firmen oder zumindest neue Niederlassungen ihrer bestehenden Firmen zu eröffnen. Denn in Shanghai ist das grosse Geld, hier spielt die Musik. Das sieht man nirgendwo deutlicher als in einem der schicken Nachtklubs. Draussen stehen BMW- und Mercedes-Cabrios, und drinnen dröhnen sich junge chinesische Dollar-Millionäre mit Alkohol und Drogen zu. Es sind die Kinder der Unternehmer aus Peking. Wir spielen Pool-Billard nach amerikanischem Muster, und der Hiphop-Sound ist so laut, dass ich gar nicht erst versuche, auf Konversation zu machen.

Auf der Schiefertafel steht mein Name. Ich bin als nächster dran. Früher waren es die Opiumhöhlen, die Shanghai berühmt-berüchtigt gemacht hatten. Jetzt wird hier Koks herumgereicht wie auf dem Land das Bier. Ich fühle mich wie in irgendeinem Schicki-Micki-Klub in Zürich, in St. Julians auf Malta oder in Los Angeles. Aber ich bin in China, in einem der ärmsten Länder der Welt. Das wird mir schlagartig klar, als ich ins Taxi steige, um zum Hotel zurückzukommen. Der Taxifahrer kann den Namen des Hotels weder lesen noch verstehen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mit meinem Handy ins Hotel anzurufen und jemanden von der Reception zu bitten, den Taxifahrer zu instruieren. China! China.

Konrad Hummler’s getürktes Steuerrezept

Der Wegelin-Bankier Konrad Hummler ist bekanntlich kein Freund einer hohen Staatsquote. Dennoch warf er kürzlich beim Thema Steuern mit sichtlichem Vergnügen eine interessante Idee in die Runde: „Die alten Türken kannten nur die Erbschaftssteuer, aber null Einkommens- und Vermögenssteuern.“ Die türkische Lösung war einfach aber krass, denn die Erbschaftssteuer betrug volle 100 Prozent. Das findet der erfolgreiche Privatbankier insofern toll, weil die Jungen – so wie einst auch er selber – gezwungen waren, bei Null anzufangen, und nicht der Versuchung unterliegen konnten, sich auf den Lorbeeren von Papa auszuruhen und das geerbte Geld zu verprassen. Auch Hummlers Kinder werden nicht ganz so viel erben, wie sie ohne Papas Liebe zum Komponisten Johann Sebastian Bach könnten. Hummler gibt 30 Millionen Franken aus, um das ganze Vokalwerk des Altmeisters aufführen und professionell aufzeichnen zu lassen.

Bleibt noch die Frage, ob der Wegelin-Bankier das Steuermodell der alten Türken künftig auch in der Schweiz sehen würde. Hummler bleibt sich treu und antwortet, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern: „Sie wissen ja: Ich bin generell gegen Steuern.“

Ich und… die Scheichs von Dubai (2)

Der Abend nimmt seinen Lauf. Die Männer sitzen an dem einen Tisch, die Frauen an dem andern. Gastgeber Abdul Rahman Al Jallaf, einer der mächtigsten Scheichs von Dubai, erzählt, dass er regelmässig in die Schweiz reist. Er verbringt mit seiner Familie in jedem Sommer mehrere Wochen in Montreux. „Das ist unsere Basis“, sagt er, „von dort aus reisen wir dann in ganz Europa herum.“ Nach einigem Hin und Her lässt mich der Scheich auch mit seiner Frau Hamda und den beiden Töchtern Amal und Nada reden, ohne dass er dabei ist. Es interessiert mich, was sie zu sagen haben. Sogar fotografieren darf ich sie nun.

Amal, die ältere der beiden Töchter, posiert stolz mit ihrem Vater. Ihm ist es etwas peinlich. Amal ist von der Schweiz begeistert. Sie erzählt, wie sich ihre ganze Familie jeweils im Flugzeug vor der Landung in Genf umzieht: Jeans und Turnschuhe statt Abaya, Kaftan und Kopftuch. „Montreux ist meine zweite Heimat“, sagt sie. Mit dem Mietauto hat sie beim letzten Besuch in wenigen Wochen 12000 Kilometer zurückgelegt: Paris, Mailand, Frankfurt. – Tja, Tochter oder Sohn eines Scheichs sollte man sein. Wenn ich höre, wie diese Leute in der Welt herumkommen, fühle ich mich gleich wieder wie ein erbärmlicher Stubenhocker.

Ich und… die Scheichs von Dubai (1)

Es war einmal ein junger Journalist. So ähnlich müsste ich zu erzählen beginnen, wenn ich in alten Fotos und Dokumenten krame und mich zurück erinnere. Aber ich nenne die neue Rubrik ganz einfach und unbescheiden „Ich und…“.

Da war doch diese Reise in die Emirate, nach Dubai und Abu Dhabi. Vom Flughafen ging es um 21 Uhr direkt in die Villa von Scheich Abdul Rahman Al Jallaf. Er ist der Kopf des wohl reichsten und einflussreichsten Clans von Dubai und gilt als enger Vertrauter des Emirs. Klar, dass an diesem Abend alles da ist, was Rang und Namen hat. Aber von Berührungsängsten mit uns Gästen keine Spur. Im Gegenteil: Der westliche Einfluss ist allgegenwärtig. Nur bei den Getränken macht er Halt. Auf der reich gedeckten Tafel gibt es zu Fleisch und Fisch weder Cola noch Alkohol, dafür dickflüssigen Minzensaft und Kamelmilch.

Zu meiner Linken sitzt Scheich Mohamed Al-Sharif Al-Hashemi. Er strahlt mit seinem breiten Lachen eine gemütliche Gelassenheit aus. In der Schweiz kennt er sich bestens aus. Er liebt das Land. Aber – so sagt er beim Thema Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit – „die Schweizer müssen aufpassen, dass sie uns auch künftig freundlich behandeln.“

Süss, aber verboten

Preisabsprachen sind illegal, aber dennoch verbreitet. Ein Beispiel: Am letzten Mittwoch gab es bei Migros die klassischen Schoggi-Branchli 40 Prozent billiger. Just am gleichen Tag bot Coop die klassischen Minor-Schoggi-Stängeli ebenfalls mit 40 Prozent Rabatt an. Zufall? Ein Blick ins Pressearchiv zeigt, dass das Beispiel eine jahrelange Tradition hat. Schon im August 2007 koordinierten die beiden grossen Detailhändler offensichtlich den Verkauf der Branchli. Damals gab es indes bei beiden 50 Prozent Rabatt.

Fazit: Preisabsprachen sind in manchen Branchen an der Tagesordnung – auch wenn es um mehr als Branchli geht. Seltsam nur: Bei Migros enthält eine Packung aktuell 40, bei Coop 45 Stängeli. Da klappt es mit der Absprache noch nicht so ganz. Noch seltsamer: Im Sommer enthielt die – genau gleich grosse – Migros-Packung noch 50 Stängeli (siehe Foto). Aber egal, Hauptsache der Preis stimmt. A propos: Wo sind die Schoggi-Stängeli nun günstiger, bei Migros oder Coop? Bei Migros!

Gefunden: DAS Spielzeug für die Chefetage

Immer öfter begegne ich Kaderleuten, die eines gemeinsam haben: Im Büro steht ein Modell-Helikopter. Nach einer kleinen Recherche bin ich zur Ansicht gelangt, dass diese Spielzeuge mehr sind als nur Spielzeuge. Sie haben einen therapeutischen Nutzen. Greift der gestresste Manager nämlich zur Fernbedienung mit den multifunktionalen Sticks und versucht, das fliegende Plastikobjekt rund um den Schreibtisch zu steuern oder schon nur auf einem Meter über dem Fussboden unter Kontrolle zu halten, erlebt er sein blaues Wunder. Das Ding tut einfach nicht, was er möchte. Die Navigation braucht Übung und Fingerspitzengefühl, vor allem aber volle Konzentration. Daher wird der Manager von seinem ganzen Stress abgelenkt und fokussiert auf die Fliegerei. Zehn Minuten reichen aus, dann hat er den Kopf wieder frei und kann den Fokus auf eine andere Aufgabe richten. Übrigens: Die Dinger sind nicht nur bei grossen Buben beliebt. Auch Frauen auf dem Chefsessel nutzen und schätzen sie.

Aber das Beste hätte ich fast vergessen: Modell-Helikopter sind billig, es gibt sie schon ab 70 Franken, und sie sind hart im Nehmen – die Therapie ist also äusserst kostengünstig. Der Nachteil: Die Batterien sind relativ schnell leer, aber man kann sie ja wieder aufladen. So gesehen hat das Spielzeug ähnliche Eigenschaftgen wie der Manager selber, ausser natürlich den Preis. Ob es in den Teppichetagen deshalb so beliebt ist?

„Tempora mutantur nos et mutamur in illis“

„Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen.“ Ich weiss nicht, wie gut der ehemalige UBS-Manager Peter Kurer früher in Latein war und ob er diesen Hexameter-Vers aus dem alten Rom kennt, aber neues Leben eingehaucht hat er ihm allemal. Der Mann hat sein Äusseres in den letzten zwei Jahren chamäleonartig verändert – parallel zu den Veränderungen bei der UBS. Mit dicker Hornbrille wurde der damalige Chefjurist nach dem Abgang von Marcel Ospel zum Präsidenten der Grossbank. Das war, ohne Witz, am 1. April 2008. „Honi soit qui mal y pense“ hätten die alten Franzosen gesagt. „Es soll sich schämen, wer dabei etwas Schlechtes denkt.“

Nach nur drei Monaten sah Kurer wie verwandelt aus. Er hatte abgespeckt und trug eine neue Brille. In einem Interview Mitte 2008 sagte er mir: „Ich hatte in der Krise Gewicht zugelegt, weil ich in den sechzehn Stunden, die ich pro Tag im Büro verbrachte, zu viel Schokolade ass. Diese Kilo mussten wieder weg. Ansonsten sehen sie meinen Sommerhaarschnitt und die neue Brille, die im Unterschied zur alten Hornbrille keine Schlagschatten wirft, wenn mir die Fotografen ins Gesicht blitzen.“

Das Gastspiel war von kurzer Dauer. Wer also am 1. April 2008 etwas Schlechtes gedacht hatte, bekam recht. Schon vor dem 1. April 2009 stand fest, dass Kurer seinen Posten bei der UBS räumen musste. Dann tauchte er ab. Wahrscheinlich – hoffentlich – schämte sich für den Schlamassel, für den er mitverantwortlich war, und für die Millionen, die er dabei abkassierte. Erst kürzlich tauchte er wieder in der Öffentlichkeit auf – zwar mit der gleichen Brille, aber dafür mit Bart. Was er ganz sicher nicht sagte: „Das mit der UBS ist mir einfach über den Kopf gewachsen. Der Bart symbolisiert nun das Gras, das ich über die Affäre wachsen lassen möchte.“