Archiv der Kategorie: Dips

Der Blick am Morgen in den Blick am Abend

Als Journalist, der für eine richtige, echte Zeitung schreibt, kann ich es kaum fassen: Da schleppen sich am Morgen müde Geister auf die S-Bahn, um zur Arbeit zu fahren. Und sie schnappen sich einen Blick am Abend – vom Vorabend, und sie LESEN ihn. Zumindest tun sie so. Mehr noch: Sie starren in die Postille, als ob sie darin die letzten Weisheiten der Menschheit finden würden, als ob sie den Durchblick hätten. Wahrscheinlich hatten die gleichen müden Geister den gleichen Blick am Abend schon am Vorabend in der Hand, beziehungsweise vor den Augen. Wahrscheinlich hat er ihnen schon damals den Blick auf die Welt versperrt. Aber sie merken es nicht.

Wenn die müden Geister Glück haben, ist am Morgen noch ein 20-Minuten-Heftchen vom aktuellen Tag in der Box. Dann versinkt darin der trübe Blick, was weniger peinlich ist, aber nicht wirklich einen Unterschied macht. Ob Blick am Abend von gestern oder 20 Minuten von vorgestern: es ist einerlei. Hauptsache, die Augen können sich ausruhen. Sonst würden sie ja sehen, dass ein anderer müder Geist in der übervollen S-Bahn gern den Platz nebenan hätte – wo jetzt der eigene Rucksack liegt.

Leuthard an jeder Hundsverlochete

Noch ist sie Wirtschaftsministerin, und noch muss Doris Leuthard die mit dem Amt verbundenen Pflichten erfüllen. Dazu gehören offenbar auch Anlässe in kleineren und grösseren Firmen, als ob die Mitglieder des Bundesrats die Zeit nicht für Sinnvolleres nutzen könnten. So steht in Stäfa am Zürichsee demnächst die Einweihung eines Produktionsgebäudes des Hörgeräteherstellers Sonova (Phonak) auf dem Programm. Und im Dezember, also nach Leuthards Wechsel ins Verkehrs- und Energiedepartement, folgt die nächste Einweihung, diesmal bei der Biotechfirma Actelion in Allschwil bei Basel.

Wieviel spannender als so eine Hundsverlochete muss es sein, zum Beispiel nach Indien zu reisen und dort neue Eindrücke zu sammeln. Etwa in der Autofabrik Maruti Suzuki in Delhi (Bild), wo sich die Bundesrätin erklären liess, wie alle 21 Sekunden ein fixfertiges Auto vom Band rollt, fast eine Million pro Jahr. Ob sie solche Reisen nicht vermissen wird, wenn sie anstelle des abtretenden Kollegen Moritz Leuenberger ein paar neue Autobahnkilometer oder einen Strassentunnel eröffnen muss? Aber der Departementswechsel war ja ihr Entscheid. Damit muss sie leben.

Unsinnige Kommerzgrüsse zum Geburtstag

Kürzlich hatte ich Geburtstag und freute mich wie immer über die guten Wünsche aus dem Freundeskreis. Nun erhalte ich aber jährlich mehr und mehr Gratulationen von wildfremden Menschen, die mir im Auftrag eines Unternehmens schreiben (müssen): Da waren unter anderem ein SMS von meinem Handy-Provider Sunrise, eine Email eines Hotels in Luzern, ein Brief des Spielcasinos Pfäffikon und eine Email von meinem Vielfliegerprogramm Miles & More.

Immerhin: Das Spielcasino schickte mir einen Gutschein für Jetons im Wert von 25 Franken. Und von Miles & More erhielt ich 3000 Meilen geschenkt – zum Einlösen im Swiss-Online-Shop. Aber was gibts dafür? Eigentlich gar nichts! So bestätigt sich auch hier der Verdacht, dass letztlich schnöde kommerzielle Interessen hinter den sülzigen Grüssen stecken. Den Vogel abgeschossen hat aber das (angebliche 5-Sterne-Hotel) Ferienart Resort & Spa in Saas Fee, wo ich einmal als geladener Gast meines Autohändlers ein Wochenende verbrachte. Das Zimmer war miserabel, und ich hatte mich auch entsprechend beklagt. Nun schickt mir diese Luxusherberge, bei der leider nur der Preis Luxus ist, Jahr für Jahr eine – von Hand geschriebene! – Ansichtkarte. Mein Tipp: Steckt doch die Zeit, die Energie und das Geld lieber in die Renovation der Gästezimmer.

Da greift sich der Headhunter an den Kopf

Fast geht in all dem Rummel um die Wahlen in die Landesregierung vergessen, dass ein Bundesrat oder eine Bundesrätin vor allem eins ist: eine Führungskraft. Immerhin arbeiten in jedem Departement x tausend Leute, und das Budget bewegt sich in Milliardenhöhe. Gefragt sind Visionen und Strategien sowie deren Umsetzung. Die Aufgabe ist mit einem Job im Top-Management eines grösseren Unternehmens vergleichbar. Seltsam, dass bei der Ausmarchung ganz andere „Qualitäten“ eine ausschlaggebende Rolle spielen: Herkunft (Kanton), Geschlecht und politische Couleur. Da greift sich der Headhunter an den Kopf.

In die gleiche Kategorie gehören die Ränkespiele um die amtierende Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf. Kaum jemand bestreitet, dass sie einen guten Job macht – auch wenn sie etwas farblos wirken mag. Auch in der Bevölkerung geniesst sie von links bis rechts ein hohes Ansehen. Wer kann so dumm sein, jemanden wie sie abzuwählen – nur weil sie keiner der „richtigen“ Parteien angehört? Das wäre ja so, als ob man einen guten Manager absetzen würde, nur weil einem dessen Nase nicht gefällt. Da greift sich der Headhunter gleich nochmals an den Kopf.

Raubtier-Kapitalismus

„Der Fidel, mein Freund“, liess der UNO-Berater und frühere Genfer SP-Nationalrat Jean Ziegler im Gespräch oft und gern einfliessen, um seine weltweite Vernetztheit zu unterstreichen – inklusive mit Castros Kuba. In seinem neusten Buch „Der Hass auf den Westen“ geisselt der linke Soziologe einmal mehr in eloquenter und rhetorisch wie inhaltlich beeindruckender Weise die westliche Welt als Urheberin allen Übels in den Ländern des Südens und überhaupt in der Dritten Welt. Während er früher regelmässig die gierigen Banker ins Visier nahm und sie des Casino-Kapitalismus bezichtigte, beschreibt er nun den Raubtier-Kapitalismus Europas der vergangenen 500 Jahre.

Und er warnt vor der Zukunft: Das „verwundete Gedächtnis“ des Südens an die Demütigungen in Jahrhunderten des Sklavenhandels und der Kolonialisierung sei wiedererwacht. Daher auch der Untertitel: „Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren.“ Sein Buch ist somit nicht nur ein „Look back in Anger“ (Schauspiel des britischen Dramatikers John Osborne von 1956), sondern auch – und viel mehr – ein „Blick nach vorn im Zorn“. Und ein Happy-End ist – anders als in Osbornes Stück – nicht zu erwarten. Brilliant. Sogar die NZZ räumt ein, dass trotz „Weltretter-Pathos, Schwarzweiss-Malerlei und knalligem Stil bis zur Ungenauigkeit“ nur wenige behaupten würden, Ziegler habe im Grundsatz nicht oftmals recht.