Monatsarchiv: Februar 2011

Viktor Giacobbo: Alles Mike Müller oder was?

Er steht seit über 30 Jahren auf der Bühne, parodierend, persiflierend und posierend: Viktor Giacobbo. 1981 bin ich dem Multitalent erstmals begegnet. Angefangen hat Vik als nebenamtlicher Conférancier und Polit-Kabarettist in der linken Winterthurer Szene. Die Brötchen verdiente der Satiriker mit der spitzen Zunge damals schon beim Schweizer Fernsehen – als Dokumentalist, als Zulieferer also. Der gelernte Schriftsetzer suchte im Archiv nach Material, das die Fernsehmacher bestellt hatten oder gut gebrauchen konnten. Heute ist Giacobbo selber der grosse Zampano.

Damals, 1981, tingelte Giacobbo mit seiner Klamauk-Truppe namens Stuzzicadenti durch die Schweiz. Die „Zahnstocher“ gastierten auch in Solothurn, Langenthal und Bern. Dort lernte ich sie kennen und schätzen. Ich begleitete sie, um eine Reportage für die Studentenzeitung zu schreiben. Vik war als Kopf und Texter der Stuzzi schon damals einsame Spitze – nur einfach viel, viel frecher als heute, und auch nicht immer so politisch korrekt. „Blaue Bohnen – heisse Lust“ hiess das Programm. Nichts und niemand war den Stuzzi heilig: Der Papst – damals war es Karol Wojtyla alias Johannes Paul II –  bekam sein Fett genau so ab wie die Politiker – damals, man glaubt es kaum, war es auch schon Christoph Blocher.

Ist Giacobbo heute besser als damals, oder hat er nachgelassen? Mit Sicherheit ist er braver geworden – gezwungenermassen. Ein katholischer Würdenträger namens „Karel Gott Wojtyla“, der seltsame sexuelle Neigungen öffentlich auslebt und dafür im Beichtstuhl die Gurtenpflicht einführt, würde am Schweizer Fernsehen wohl kaum toleriert. Aber Giacobbos Schalk blitzt auch heute immer wieder auf. Man kann ihn in seinen Augen erkennen, oder in seinem bisweilen fast diablischen Grinsen. Als ich ihn neulich im Kaufleuten bei der Aufzeichnung von Giacobbo/Müller wieder einmal live sah, begriff ich sein Erfolgsrezept: Er hat eine animalische Freude an seinem Job. Das ist es! Aber, lieber Vik, du musst aufpassen und darfst dich nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Mike Müller ist dir mit seinen eigenen Versen hart auf den Fersen.

Der Kommentar der Kassierin

In der Schweiz erlebe ich das nie. Ich stehe an der Kasse bei Migros oder Coop, und die Kassierin kommentiert meine Einkäufe: „Aha, gibts heute Abend Spaghetti Carbonara.“ Oder: „Hmmm, gute Wahl, und erst noch gesund.“ Das ist undenkbar in der Schweiz.

Nicht so in den USA, hier gehört der Smalltalk an der Kasse dazu. Die Kassierin fragt nicht nur, wie es heute so geht, sondern sie denkt laut nach über die Waren, die sie einscannt. Kürzlich kaufte ich im Publix nur sehr wenig ein, dafür ganz besondere und für amerikanische Verhältnisse saumässig teure Sachen: Prosciutto di Parma, importiert aus Italien, eine Flasche Pinot Noir, importiert aus Australien, und eine grosse Portion Sushi, frisch zubereitet vom japanischen Koch im Supermarkt. Alles zusammen kostete rund 30 Dollar. Die Kassierin meinte: „Wow, was für ein gutes Dinner heute! Aber ziemlich teuer…“ Fast hatte ich ein schlechtes Gewissen, denn für 30 Dollar kann hier eine vierköpfige Familie auswärts essen gehen – aber eben nur bei Burger King oder Taco Bell.

Leider NOT Born in the USA

Ich bin NICHT in den USA geboren. Okay. Aber was ist der Unterschied? Ich fühle mich hier – in den USA – viel mehr zu Hause als in der Schweiz, wo ich geboren bin. Das ist mir gerade heute Abend wieder aufgefallen, als ich bei Sonnenuntergang am Beach war, in Hollywood, Florida. Es war so friedlich, wie ich es in der Schweiz kaum je erlebt habe. Und die Menschen sind einfach viel netter als in der Schweiz – auch zu mir, obwohl ich hier Ausländer bin, nota bene.

Im Radio läuft „Born in the USA“ von Bruce Springsteen, auf 102.7, „MAJIC 102.7 – The Greatest Hits of the 60s & 70s“, mein Lieblingssender. Der Song ist schon alt, wird aber immer wieder gespielt, ganz besonders am Independence Day, dem Nationalfeiertag, dem 4. Juli. Die Leute haben dann Tränen in den Augen. In der Schweiz gibt es zum 1. August nichts Vergleichbares, oder täusche ich mich? Ein Heimatlied wie „Dr Bueb vo Trueb“? Born in Switzerland? Ich glaube, dass viele Schweizer gar nicht stolz darauf sind, in der Schweiz geboren worden zu sein. Der Stolz ist wohl bei manchen in Arroganz umgeschlagen, nach dem Motto: Ich bin hier, aber das Boot ist nun voll. Oder gibt es für diese Menschen am Ende gar nichts mehr, worauf sie stolz sein können? Dann halte ich mich lieber an Bruce Springsteen…

Warum Inder elektrische Fensterheber brauchen

Eine nette Anekdote konnte am World Economic Forum in Davos der Chef des indischen Software-Riesen Wipro zum besten geben. Azim Premji erzählte von einem Fehlgriff eines grossen amerikanischen Autoherstellers – wohl GM. Der Konzern entwarf in Detroit ein Mittelklasse-Auto speziell für den indischen Subkontinent. Es musste billig sein, also sparte man wo man konnte. Unter anderem – dachten die US-Konstrukteure – sei es wohl kaum notwendig, auch die hinteren Fenster elektrisch öffnen und schliessen zu könnnen. Was die Amerikaner nicht wussten: Wer sich in Indien einen Mittelklassewagen leisten kann, hat auch einen Chauffeur, sitzt also selber im Fond. Ohne elektrische Fenterheber hinten verkauft sich ein solches Auto nicht. Die Fehlkonstruktion war ein Flop. Azim Premjis Moral von der Geschicht: Unterschätze einen Inder nicht. Oder etwas prosaischer: Wer Indien nicht kennt und dennoch den Alleingang wagt, bezahlt oft teures Lehrgeld.