Monatsarchiv: Dezember 2010

„Live from the White House“

Videoclip angeschaut? Okay, dann weiterlesen. Tja, das war vielleicht eine Überraschung! Wir waren beim US-Präsidenten Barack Obama, als uns vor dem Weissen Haus ein paar News-Reporter um Hilfe baten. Wir hatten nur zwei Minuten Zeit. Dann standen wir vor dem Tele-Prompter, und die Schrift begann zu laufen – für mich etwas gar schnell. Wir mussten berichten, dass Obama die Truppen in Afghanistan aufstockte, und weshalb. Aber wir schafften den 20-Sekunden-Text plus An- und Abmoderation auf Anhieb ohne Patzer.

Na ja, eigentlich war alles ein wenig anders. Den Samichlaus gibts ja auch nicht. Aber wer bis hierher gelesen hat, soll belohnt werden: Schon einmal vom Newseum in Washington gehört? Es wurde 2007 eröffnet und ist wirklich einen Besuch wert – auch für Nicht-Journalisten.

Увидимся в Катар!

Ich verstehe nichts von Sport, auch nicht von Fussball. Es interessiert mich nicht. Und ich halte nicht besonders viel von Fifa-Boss Sepp Blatter. Dafür interessiere ich mich umso mehr für Politik und Globalisierung. Davon verstehe ich etwas. Wenn uns nun ein paar dumbe Sportjournalisten weis machen wollen, dass die Wahl der Austragungsorte für die Fussball-WM 2018 (Russland) und 2022 (Katar) unglücklich, ungerecht, ja „grobfahrlässig“ sei, dann muss ich widersprechen. Auch die Fussball-Gemeinde sollte zur Kenntnis nehmen, dass sich die Gewichte auf dieser Welt verschieben – und zwar in Richtung Osten. Die „Alte Welt“ verliert ihre Vorherrschaft. Das ist in der Politik so, in der Wirtschaft, und – warum auch nicht? – im Sport. Andere WM-Kandidaturen wie England oder die USA hatten die Spiele schon mal im Land. Nun sind andere am Zug. Und so, wie ich Russland und Katar einschätze, wird ihnen kein Aufwand zu gross sein, um der Welt zu zeigen, wie perfekt und glamurös sie einen solchen Anlass organisieren können. Was wollen wir mehr? Eine kleine Einschränkung muss ich allerdings machen: Ich setze voraus, dass die viel geschmähten Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees nicht geschmiert wurden bei dieser Wahl, dass also Russland und Katar die Spiele ohne Bestechungsgelder erhielten. Sonst müsste ich natürlich über die Bücher.

PS: „Увидимся в Катар“ ist russisch für „see you in Katar“

Ich und… der Finanzjongleur Werner K. Rey

Wer erinnert sich noch an den ehemals bejubelten Financier und dann tief gefallenen Pleitier Werner K. Rey? Er war der erste Raider (=Plünderer) in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Er war das, was man heute eine Heuschrecke nennt. Er kaufte Firmen, reorganisierte, restrukturierte und filettierte sie, um sie wieder zu verkaufen – mit sattem Gewinn. Seinen ersten Coup landete er 1977 bei Bally. Der damals 34-Jährige kaufte die Schuhfabrik mit geliehenem Geld und verkaufte sie nach wenigen Monaten wieder – mit einem Gewinn von 50 Millionen Franken. In den 80er-Jahren trieb er es zu bunt. Den Banken gaukelte er immer öfter Geschäfte und Geldtransfers vor, um an neue Darlehen zu kommen. 1991 zerplatzte sein Milliarden-Imperium wie eine Seifenblase . Er setzte sich auf die Bahamas ab. Dort wurde er 1996 verhaftet (Bild) und an die Schweiz ausgeliefert, wo er vier Jahre Gefängnis kassierte.

Ich habe die Story aus nächster Nähe mitverfolgt. Ich war auf den Bahamas, habe dort mit Reys Frau gesprochen, das Gefängnis besucht und den Prozessen beigewohnt. Auch später, bei seiner Entlassung aus dem Berner Regionalgefängnis, war ich zur Stelle. Dann zog Rey nach Schottland, in die Nähe von Glasgow, die Heimat seiner Frau. Dort konnte ich ihn nach zähen Verhandlungen besuchen – für eine Reportage. Ich musste versprechen, dass ich niemandem verraten würde, wo er wohnte. Wir blieben in Kontakt. So brachte ich ihn im November 2002 zur Überraschung meiner Journalisten-Kollegen eines Tages auf die Redaktion der Wochenzeitung Cash in Zürich (Bild) und schrieb über seine neuen Geschäfte. Aber er hat das Comeback nie geschafft. Inzwischen ist es um Werner K. Rey ruhig geworden. Er verbringt die meiste Zeit in London. Und er hält weiter an seiner Unschuld fest – und am Wunschtraum, der Welt irgendwann zu beweisen, dass er eben doch ein ganz guter Geschäftsmann ist.